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Kultur

Patricia Cerda: “Meine Geschichten und Figuren sind in der Historie Chiles angesiedelt”

 

Berlin, 21. Juni 2018. Violeta und Nicanor Parra zählen zu den bedeutendsten chilenischen Künstlern des 20. Jahrhunderts. Die Schriftstellerin Patricia Cerda untersucht in ihrem kürzlich erschienenen Roman erstmals die Familiengeschichte der Parras und speziell die Beziehung dieser beiden Geschwister, der Liedermacherin Violeta und des Antipoeten Nicanor. Patricia Cerda ist Historikerin und erwarb ihren Doktortitel an der Freien Universität Berlin. Vor einigen Jahren entschied sie sich, zur Feder zur greifen und historisch-biographische Stoffe, speziell aus Chile, in Literatur zu verwandeln. "Mestiza", ihr erster Roman, zeichnet den Lebensweg einer einfachen Frau aus dem 17. Jahrhundert nach, einer für Chile besonders identitätstiftenden Epoche.

Sie leben seit vielen Jahren in Deutschland und sind inzwischen eine richtige Berlinerin. Welche Beziehung haben Sie derzeit zu Chile? Reisen Sie oft dorthin?

Chile ist das Land, in dem ich die ersten 25 Jahre meines Lebens verbracht habe. Die Bindung zu meinem Land ist eng und emotional. Für mich ist wichtig zu erfahren, was dort passiert, Gutes wie Schlechtes, da ich Teil dieser Gemeinschaft bin. Mein Zugehörigkeitsgefühl führt dazu, dass meine Geschichten entweder ganz in Chile angesiedelt sind, einen Bezug zum Land haben und / oder die Hauptfiguren Chilenen sind. Schon aufgrund meiner Bücher reise ich mindestens zweimal pro Jahr nach Chile.

Sie interessieren sich sehr für die Historie Chiles. In ihren Büchern zeichnen Sie die Lebensgeschichten von Persönlichkeiten nach, die Chile in emblematischer Weise verkörpern.

Das stimmt und trifft vor allem auf Animallén, die Protagonistin von „Mestiza“ zu. Sie ist eine sehr symbolhafte, wenngleich fiktive Persönlichkeit. Was ihr passierte, widerfuhr dem Königreich Chile in einer prägenden Phase des 17. Jahrhunderts. Ihre Sichtweise ist die einer Frau aus dem Volk. Diese Perspektive gab es vorher nicht. Animallén selbst sieht sich zudem nicht als Opfer.

Rugendas, der Protagonist meines zweiten Romans, interessierte mich, weil er sich – wie auch ich –  zwischen der chilenischen und deutschen Kultur bewegte. Seine Persönlichkeit schlägt Brücken. Das gefällt mir an ihm, und ich habe versucht, dies beim Schreiben meines Romans zu berücksichtigen. Bezüglich „Violeta & Nicanor“, von denen mein jüngstes Buch handelt, steht hinter diesem Projekt eine große Bewunderung. Ich habe versucht, das Wunder zu ergründen, dass in Chile im 20. Jahrhundert zwei Genies in ein und dieselbe Familie hineingeboren wurden.

„Violeta & Nicanor“, „Mestiza“, „Rugendas“: Ihre Bücher sind in Chile Bestseller. Welches sind die Zutaten Ihres Erfolgs?

Die Kritiker haben hierfür verschiedene Gründe genannt. Über „Mestiza“ wurde gesagt, ich hätte der chilenischen Frau ihren Platz in der Geschichte gegeben. Auch hätte ich eine prägende Phase unserer Kultur behandelt, über die man nur sehr wenig weiß. An „Rugendas“ wurden der philosophische Ton und die Auseinandersetzung mit den Charakteren hervorgehoben. Als Autorin halte ich mich selbst eher im HIntergrund. Ich möchte, dass die Charaktere sich entfalten und mit dem Leser in direkte Kommunikation treten. Das trifft auch auf „Violeta & Nicanor“ zu.

Haben Sie als Autorin eine eine tägliche Schreibroutine?

Ja. Aber ich würde nicht sagen, dass ich diszipliniert bin. Ich mag, was ich tue; das ist der Grund, warum es mir nichts ausmacht, mehrere Stunden am Tag zu schreiben.

Sind auch Übersetzungen in andere Sprachen geplant, beispielsweise ins Deutsche?

Bisher ist nur eine Erzählung aus einem Buch von 2013 auf deutsch veröffentlicht worden. Sie heißt „Die Wäscherin“ und ist sogar im Internet zu finden. Bezüglich meiner Romane kann ich sagen, dass langsam etwas Bewegung in die Sache kommt. Ich habe inzwischen einen Agenten, der sich um dieses Thema kümmert.

In Chile sieht man aktuell einen Trend, vielleicht sogar einen Boom an nicht-traditionaller historischer Literatur. Viele dieser Neuerscheinungen werden tatsächlich nicht von Historikern verfasst. Was halten Sie davon? Sollte man Geschichtswissenschaftler sein, um über Geschichte zu schreiben?

Man muss absolut kein Historiker sein, um historische Romane zu schreiben, doch natürlich sollte man ein Gespür für die jeweilige Epoche haben, über die man schreibt. Natürlich lässt es sich nicht leugnen, dass man als Historiker/in doch über eine gewisse Souveränität bei seinen speziellen Themen verfügt. Das schlägt sich vielleicht in der Art des flüssigeren Schreibens nieder, wofür der Leser dankbar ist.

Der Künstler Felipe Cusicanqui zeigt Szenen aus seinem Leben und Alltag in Berlin

Berlin, 29. Mai 2018. Der Künstler Felipe Cusicanqui kam vor drei Jahren aus Chile nach Berlin, jetzt legt er eine Auswahl seiner Werke vor, die seine künstlerische Entwicklung während dieser Zeit widerspiegeln. Der Titel der Schau, „Vorbei, verweht, nie wieder“ referiert auf das gleichnamige Gedicht des Künstlers und Journalisten Kurt Tucholsky aus dem Jahre 1932. Tucholskys Poesie hat Cusicanqui dazu inspiriert, die Beziehung zweier Welten zu ergründen: die der Stadt und die Welt des Waldes rund um Berlin. Die Vernissage findet am Montag, 4. Juni, um 19 Uhr in den Räumen der Botschaft statt.

Welche Fragen und Themen beschäftigen Dich aktuell in Deiner Kunst?

Es sind Szenen aus meinem Leben und Alltag in Berlin aus den vergangenen drei Jahren. Bei meiner Arbeit hat mich die wiederholte Lektüre von Werken der deutschen Romantik inspiriert sowie deren Auswirkungen bis in die Gegenwart. Ein zentrales Thema ist daher die Landschaft. Ich habe in den Bildern Materialien verwendet, die ich in der Stadt gefunden habe, wie zum Beispiel gebrauchte Obstkisten, liegengelassene Bücher oder abgelegte Kleidungsstücke. Ich möchte einen Dialog herstellen zwischen diesen Materialien und dem Bild, das durch sie erzeugt wird.

Wie hat die Zeit in Berlin Dich verändert, im Hinblick auf Deine Arbeit?

Das Leben hier hat mich vor allem aus meiner Komfortzone herausgeholt und mich in eine Situation gebracht, in der ich mich neu erfinden musste, so etwa im Hinblick auf meine bisherige Vorstellung von Identität. Auch was die deutsche Sprache, Landschaft und Geschichte betrifft, haben die Erfahrungen in Berlin mein Spektrum erweitert – schon allein in punkto Experimentierfreude. Die neuen Eindrücke und Erfahrungen haben nach und nach meine Sichtweisen verändert und ich glaube, dass man es meinen Bildern ansieht.

"Fantastische Frau": Zweiter Oscar für das chilenische Kino

Berlin, 5. März 2018. Der Film “Eine Fantastische Frau” von Regisseur Sebastián Lelio hat den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film gewonnen. Zum ersten Mal ging der Auslands-Oscar damit nach Chile. Der weltweite Erfolg dieses Films setzte bereits 2017 ein, als Sebastián Lelio und Gonzalo Maza auf der Berlinale den Silbernen Bären für das beste Drehbuch erhielten.

Später folgten der spanische Filmpreis Goya für den besten iberoamerikanischen Film sowie die Nomination für einen Golden Globe. „La Mujer Fantástica“ beschreibt das Leben der Transgender-Frau Marina Vidal (Daniela Vega), einer Sängerin in Santiago, die sich mit Vorurteilen und sozialer Diskriminierung auseinandersetzen muss – vor allem nach dem Tod ihres 20 Jahre älteren Partners, als ihr das Recht verwehrt wird, im Beisein der Familie um ihren geliebten Menschen zu trauern.