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Lina Meruane über die Liebe in den Zeiten der Krankheit

Schriftstellerin Lina Meruane. Foto: S. Utreras.

Berlin, 2. Februar 2018. Die chilenische Schriftstellerin Lina Meruane lebt seit 20 Jahren in New York City und verbringt aktuell ein Jahr als DAAD-Künstlerstipendiatin in Berlin. Ihr Roman „Sangre en el ojo“ handelt von einer jungen Frau, die plötzlich auf einer Party in Manhattan erblindet als Folge einer Krankheit. Das Buch erscheint nun in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Rot vor Augen“ (Arche-Verlag). Vor der offiziellen Präsentation am Donnerstag, 8. Februar um 20 Uhr in der DAAD-Galerie hat Lina Meruane mit uns über ihr Werk gesprochen.

Um welche Themen dreht sich der neue Roman "Rot vor Augen"?

Was mich am meisten bewegt hat bei diesem Buch ist die Frage, wie sich die Balance in einer Liebesbeziehung verschiebt und dann neu justiert, wenn einer der beiden Partner erkrankt und vom anderen abhängig wird; in diesem Sinne stellen sich Fragen nach der Verletzlichkeit und ersichtlichen Schwäche der kranken Person. Und auch Fragen danach, ob diese Person dann vielleicht doch stärker oder resilienter ist, als es zunächst den Anschein hat. und in welchem Maß der kranke Mensch denjenigen, der sich um ihn kümmert, zu seinem Lakaien macht.

Die Protagonistin durchlebt emotional existenzielle Situationen, die die Zuneigung in ihren Beziehungen (zur Mutter, zum Partner) grundsätzlich in Frage stellen. Existiert überhaupt Liebe in diesem Universum?

 

Es kommt darauf an, wie man Liebe definiert, denn sie ist ja an und für sich schon existenziell. Die Liebe ist etwas sehr, sehr Komplexes; die romantische Liebe kann sowohl großzügig wie hingebungsvoll sein, zärtlich und leidenschaftlich – aber eben auch exzessiv, zwanghaft, egoistisch und manipulativ. Mein Roman lotet genau diese Extreme aus, die die romantische Liebe bereithält.

Die Anmutung des Romans ist wie eine Mischung aus Fiktion, Traum, Albtraum und Realität ...

Dieser Eindruck ist nicht verwunderlich. Beim Schreibprozess bin ich zunächst von der persönlichen Erinnerung an eine sehr düstere Periode meiner eigenen Vergangenheit ausgegangen, doch sehr schnell ging das Schreiben eher ins Fiktionale über, ins Autobiografische, was als Genre sehr limiert ist; mir kommt die Geschichte nun eher vor wie aus dem Genre Horrorroman (novela de terror).

Ist "Ror vor Augen" Dein bislang persönlichstes Buch? In der Erzählung "Volverse Palestina" (übersetzt: „Zur Palästinenserin werden“) geht es auch um Fragen von Identität und Zugehörigkeit, wenn auch auf andere Art und Weise – und unter anderen Aspekten.

Was alle meine Bücher verbindet, unabhängig vom Genre, ist, dass ich sie alle aus einem persönlichen, sozialen oder politischen Anliegen heraus geschrieben habe, das sich dann jeweils in eine Leidenschaft oder Obsession verwandelt hat; "Rot vor Augen" beruht, wie gesagt, auf einer Phase, einem Ereignis aus meinem eigenen Leben, das ich benutzt habe, um bestimmte Szenen im Buch extrem zuzuspitzen und um grundätzliche Fragen über die Körper gesunder und kranker Menschen zu stellen, was dann in ethische Überlegungen mündete.

Volverse Palestina ist das Buch, das ich direkt im Anschluss daran geschrieben habe; vielleicht ähneln sich die beiden Bücher deshalb stilistisch in gewisser Weise: in ihrer episodenhaften Form – mit aufeinanderfolgenden Fragmenten, Untertiteln und vielleicht in ihrem Stil und der literarisch anmutenden Sprache. Allerdings habe ich mich in dem Palästina-Buch an die Realität gehalten: Es ist kein Roman, sondern die Erzählung einer Reise, die ich in die (durch Israel) besetzten Gebiete unternommen habe; es stellt Fragen nach einer quasi „geliehenen“ oder vermeintlichen Rückkehr: Denn wie kehrt man an einen Ort zurück, an den weder die Großeltern noch die Eltern jemals zurückgekehrt sind? Es ist eine Auseinandersetzung mit dem, was unsere Identität ausmacht und auch mit den Gefahren dieses sogennanten „Identitären Essentialismus“. Es analysiert die Art und Weise, wie wir uns der Sprache bedienen, um uns auf den Konflikt zu beziehen, z.B. das Abstreiten der palästinensichen Identität, das Auslassen, die Manipulationen, die Neuinterpretation der Vergangenheit. Auch in diesem Buch entwerfe ich also eine komplizierte Realität, für die es dann aber keine Lösung gibt, denn ich bin eben nur Schriftstellerin.

Du hast zuvor in New York gelebt – wieso bist Du nach Berlin gekommen? Und wie beeinflusst dieser Ort Dein Schreiben, Deine Kunst?

Ich lebe seit fast 20 Jahren in New York, und genaugenommen ist diese Zeit in Berlin nur eine Unterbrechung, die für mich am liebsten gar nicht aufhören würde. Es ist ein echter Luxus, ein Jahr lang in einer Stadt wie Berlin verbringen zu können – dank eines DAAD-Stipendiums, das mir keinerlei Bedingungen auferlegt und das mir ein Jahr lang ermöglicht zu schreiben und zu lesen. Und genau das mache ich, ich arbeite gerade an einem neuen Roman, und ich lese derzeit sehr viel, denn Berlin verfügt mit dem Ibero-Amerikanischen Institut über die größte Bibliothek lateinamerikanischer Literatur in ganz Europa. Ich reise auch recht viel, besuche inspirirende Orte und treffe interessante Menschen. Ich verdanke Berlin auch das Schreiben meines Romans, „Rot vor Augen“, der jetzt erscheint, denn, obwohl dieser Roman sowie der, den ich aktuell schreibe, zwar keinen inhaltlichen Bezug zu Deutschland hat, werden am Ende dieses Jahres beide Bücher hier in Berlin geschrieben worden sein.